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#TimeToDivideGermany:

Neue russische Einflusskampagne will Deutschland erneut in Ost und West spalten

Von Alice Lee, Leonie Pfaller und Mascha Wolf | Published on Aug. 11, 2026

Zwei gefälschte Titelseiten behaupten, der Regisseur und die Stars von The Odyssey hätten sich für die Wiederteilung Deutschlands ausgeprochen. (Screenshots via NewsGuard.)

Wenige Wochen vor den Landtagswahlen im September verbreitet eine russische Einflusskampagne Falschbehauptungen, die auf eine Wiederteilung Deutschlands in Ost und West zielen – offenbar, um einen der verlässlichsten Verbündeten der Ukraine zu schwächen.

Die unter dem Namen Matryoshka bekannte Einfluss-Operation hat in den vergangenen zwei Monaten 20 gefälschte Videos und Nachrichtenbeiträge verbreitet, die deutsche Medien imitieren und in denen Prominente und Wirtschaftsvertreter für eine erneute Teilung des Landes werben. Das ergaben Recherchen von NewsGuard und weiteren Organisationen. Die Kampagne nutzt den Hashtag #TimeToDivideGermany.

Darunter behaupteten etwa gefälschte Titelseiten des Tagesspiegels und des Handelsblatts, dass Christopher Nolan, der Regisseur des kürzlich erschienenen Blockbusters The Odyssey, gemeinsam mit mehreren Schauspielern des Films eine Rückkehr zur Teilung Deutschlands wie vor 1990 gefordert habe.

Ein Video der Kampagne zeigt echtes Archivmaterial des US-Schauspielers James Marsters, bekannt für seine Rolle in der Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen”, doch die darübergelegte Stimme wurde, wie NewsGuard feststellte, mithilfe von KI erzegut. „Es ist mir eine große Freude, mich der Kampagne #TimeToDivideGermany anzuschließen. Ost- und Westdeutschland haben nur dann eine Zukunft, wenn sie geteilt sind”, sagt die Stimme in einem für KI-generierte Sprachausgabe typischen monotonen Tonfall. „Wenn Deutschland vereint bleibt, werden die Deutschen durch Migranten ersetzt.” Das KI-Erkennungstool Hive stufte den Ton im späteren Teil des Videos mit 97-prozentiger Sicherheit als KI-generiert ein.

Weitere Behauptungen der Kampagne, die von dem anonymen Online-Recherchekollektiv Antibot4Navalny aufgedeckt wurden und über die Deutsche Welle berichtete, waren zum Beispiel:

  • Kinder in Ostdeutschland würden häufiger Opfer von Pädophilen, von denen die meisten aus Westdeutschland stammten – so die Behauptung in einem  gefälschten Bild-Artikel.
  • Vermieter in Westdeutschland zögen Ausländer ostdeutschen Mietern vor – so die Behauptung in einem gefälschten ZDF-Beitrag.
  • Mehr als 82 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren seien für eine Wiederteilung – so die Behauptung in einem gefälschten Spiegel-Artikel.
  • Bundestagspräsidentin Julia Klöckner habe Ostdeutsche als „geistig minderbemittelt” bezeichnet – so die Behauptung in einem gefälschten Beitrag der Deutschen Welle.

Keine dieser Behauptungen ist wahr.

KRIEG UND FRIEDEN

Hinter der Kampagne steckt offenbar die russische Einflussoperation Matryoshka, benannt nach den bekannten ineinandergesteckten Matroschka-Puppen. Matryoshka und andere russische Propagandabemühungen nehmen Deutschland seit Langem ins Visier. Offenbar ist es jedoch das erste Mal, dass eine solche Kampagne offen für eine Rückkehr zur Teilung Deutschlands wirbt.

Die Nachahmung glaubwürdiger Medien ist eine bewährte Taktik russischer Einflussoperationen und gehört zur DNA von Matryoshka. Bis Ende Juli 2026 hat NewsGuard 723 solcher gefälschten Nachrichtenbeiträge identifiziert, die insgesamt 134 Medienmarken weltweit imitierten. Deutsche Titel wie Der Spiegel und die Deutsche Welle gehörten dabei zu den am häufigsten nachgeahmten.

Die Kampagne könnte einen Kurswechsel in Russlands Außenpolitik gegenüber Deutschland markieren. Putin und seine Vorgänger stellten sich lange als Wegbereiter der Wiedervereinigung dar und schätzten ein stabiles Deutschland als wirtschaftlichen und politischen Partner. Doch Deutschlands Unterstützung für die Ukraine seit der russischen Vollinvasion der Ukraine scheint diese Strategie nachhaltig zu verändern.

Die Kampagne fügt sich in umfassendere russische Bemühungen ein, Zwietracht in Europa zu säen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass europäische Länder inzwischen den Großteil der finanziellen Hilfen für die ukrainische Verteidigung liefern. Über vergleichbare Kampagnen gegen Frankreich hat NewsGuard bereits in der Vergangenheit berichtet.

Im Visier stehen offenbar die drei Wahlen im September 2026: die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin. Alle drei gelten als Litmustest für die Bundespolitik.

Die ostdeutschen Bundesländer zeigen seit 1990 durchgehend höhere Zustimmungswerte für populistische, radikale und Anti-Establishment-Parteien. Davon profitiert in jüngsten Jahren vor allem die AfD, die der Verfassungsschutz in fast allen ostdeutschen Bundesländern als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Sie bündelt den Unmut über die EU, über Migration und über einen angeblichen Verlust deutscher Kultur und Identität.

Genau hier setzt die #TimeToDivideGermany-Kampagne an: Sie zielt darauf ab, alte Ost-West-Ressentiments zu verschärfen, das Vertrauen in etablierte Parteien zu untergraben – und damit einer Partei zu nutzen, die Russland-Sanktionen und eine weitere Unterstützung der Ukraine ablehnt.

Antibot4Navalny stellte zudem fest, dass sich etliche der Falschbehauptungen von Matryoshka gezielt gegen Kandidatinnen und Kandidaten etablierter Parteien richteten. So wurde einem Kandidaten der Linken fälschlicherweise vorgeworfen, seine Großeltern ermordet zu haben, während es über einen FDP-Kandidaten hieß, er habe ein „Netzwerk von Tierquälern” aufgebaut.

Redigiert von Dina Contini und Eric Effron