Misinformation Monitor: Januar 2021

Der Misinformation Monitor von NewsGuard liefert regelmäßig Neuigkeiten zum Thema Falschinformationen im Netz mit exklusiven Daten aus fünf Ländern. 

von Virginia Padovese, Chine Labbe, Marie Richter, Gabby Deutch und Bron Maher 


Desinformations-Webseiten in Europa greifen Falschinformationen über den Sturm auf das US-Kapitol auf

Nach der gewaltsamen Stürmung des US-Kapitols zwei Wochen vor der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden haben Falschinformationen über die Geschehnisse Einzug auf der anderen Seite des Atlantiks gefunden. Einige europäische Webseiten, die vor kurzem erst Unwahrheiten in Zusammenhang mit dem Verschwörungsmythos „QAnon“ sowie über die US-Wahl verbreitet hatten, wandten sich nun den Kapitol-Unruhen zu. Sie behaupten –⁠ wie auch rechtsgerichtete Kommentatoren, Falschinformations-Webseiten und einige Politiker in den USA ⁠– dass es eigentlich die politische Linke war, von der die Gewalt ausging. Viele dieser Webseiten verbreiteten weiterhin Unwahrheiten über die US-Wahl, auch nachdem Präsident Biden vereidigt wurde.

Am Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden berichtete ein Artikel der deutschen Epoch Times, die Wahl sei weiterhin nicht entschieden. ( NewsGuard / EpochTimes.de )

Im Detail:

  • Behauptungen, dass die Antifa, eine lose Gruppierung linker Aktivisten, für die Krawalle am Kapitol verantwortlich sei, haben sich auf europäischen Falschinformationsseiten und Social-Media-Accounts als populär erwiesen. Und das, obwohl die ursprüngliche Quelle für diese Behauptungen ihre Story innerhalb eines Tages zurückzog.
    • In Deutschland veröffentlichte die von NewsGuard mit „Rot“ bewertete (also allgemein unzuverlässige) Webseite EpochTimes.de einen Artikel der Washington Times. Darin wurde behauptet, dass die Gesichtserkennungsfirma XRVision Antifa-Mitglieder im Capitol erkannt habe. Die Firma selbst sagte jedoch, dies sei nicht wahr, und der Artikel der Washington Times enthält nun eine deutliche Korrektur. EpochTimes.de veröffentlichte ebenfalls die Korrektur der Washington Times und bat um Entschuldigung – nachdem ihr Artikel laut CrowdTangle-Daten bereits fast 900.000 Nutzer auf Facebook und Twitter erreicht hatte.
    • Am Tag der Amtseinführung von Joe Biden veröffentlichte EpochTimes.de außerdem einen Artikel, in dem es hieß, dass eine „Aufarbeitung der Wahlen noch lange nicht abgeschlossen“ sei und dass es eine „Beeinflussung der Wahl von Italien aus“ gegeben habe. Der Artikel behauptete, dass ein Cybersecurity-Experte, der früher für das italienische Rüstungsunternehmen Leonardo Spa arbeitete, während der Präsidentschaftswahl 2020 illegal Stimmen von Donald Trump auf Joe Biden übertragen habe. Belege gibt es für diese Aussagen weiterhin nicht. (Die US-Wahl war zudem bereits von den Gouverneuren und Staatssekretären aller 50 US-Bundesstaaten sowie von Bundesbeamten und dem Electoral College anerkannt worden.)
    • Am Tag nach der Kapitol Stürmung behauptete die ebenfalls als rot bewertete französische rechtsextreme Webseite RiposteLaique.com, dass die Demonstration „in guter Absicht“ war. Gleichzeitig behauptete sie, dass die Gewalt von Mitgliedern der Antifa ausging, die sich als Trump-Anhänger ausgaben. „Es war eigentlich Antifa-Miliz, die die Demonstration infiltrierte, und die Beweise häufen sich“, so die Webseite.
    • DataBaseItalia.it, eine italienische konspirative Webseite, die regelmäßig QAnon-Verschwörungsmythen teilt, behauptete: „Es waren Antifa-Terroristen und nicht Trumps Unterstützer, die zum Kapitol stürmten, einbrachen und versuchten, einen Aufruhr anzuzetteln.“ Eine andere rot bewertete Webseite, MaurizioBlondet.it, veröffentlichte Videos von den Unruhen und kommentierte: „Überfall auf das Capitol von Antifa-Zerstörern, die vorgeben, ‚Patrioten‘ zu sein. Nicht sehr überzeugend.“
    • In Großbritannien veröffentlichte die Webseite des Verschwörungstheoretikers David Icke ebenfalls den Artikel der Washington Times, welcher weiterhin unkorrigiert auf dort zu finden ist.
  • In Frankreich sahen einige unzuverlässige Webseiten und Kommentatoren in diesen Ereignissen die Anfänge eines so genannten „US-Frühlings“ ⁠– angelehnt an den Arabischen Frühling. Sie äußerten die Hoffnung, dass eine ähnliche gewaltsame Volksrevolution auch in Europa stattfinden könnte.
    • Die rechtsextreme Webseite Breizh-Info.com schrieb beispielweise am 7. Januar: „Bewegen wir uns auf einen US-Frühling zu? Es scheint, dass das historische Ereignis der letzten Nacht zwei Amerikas offenbart hat, die nicht mehr zusammenleben wollen/können. Ist es ein Vorgeschmack auf das, was in ein paar Jahren auf Europa zukommen wird?“
    • Drei Tage später spekulierte die Webseite Dreuz.info, ob die Erstürmung des Kapitols der erste Akt einer sich anbahnenden Revolution sein könnte. „Was passiert, wenn der demokratische Prozess nicht mehr funktioniert? … Die Unfähigkeit, sich durch Wahlen auszudrücken, führt zwangsläufig zum Bürgerkrieg, und die Erstürmung des Kapitols ist der erste Akt.“ 

Warum das von Bedeutung ist: Reale Gewalt, geschürt durch Falschinformationen im Netz, wird auch in Europa immer mehr zur Realität. In Deutschland fühlten sich die Zuschauer der Kapitol-Krawalle an die Ereignisse in Berlin im August 2020 erinnert. Dort versuchten Hunderte Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung protestierten, das Reichstagsgebäude zu stürmen. (Die Polizei hinderte sie daran.) Im Vorfeld des Protests hatten rechte Aktivisten über Messenger-Apps und soziale Medien die Unwahrheit verbreitet, dass amerikanische und russische Soldaten in Berlin seien, um den Sturz der Regierung zu unterstützen. Während des Protests tauchte die Behauptung auf, dass sogar der damalige US-Präsident Donald Trump selbst in der Stadt sei.


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