Image via Canva

„RT_on_X“: Neuer X-Account von RT erreicht trotz EU-Sanktionen innerhalb von fünf Tagen sechs Millionen Aufrufe

Von Alice Lee | Veröffentlicht am 1. Juli 2026

Ein neuer X-Account mit dem Branding des russischen Staatssenders RT erzielte innerhalb von fünf Tagen rund sechs Millionen Aufrufe und erschien trotz der EU-Sanktionen gegen RT in den Feeds europäischer Nutzerinnen und Nutzer. (Screenshot via NewsGuard)

Was passiert ist: Ein neuer X-Account namens @RT_on_X scheint Teil eines Versuchs des russischen Staatssenders RT zu sein, die EU-Sanktionen zu umgehen und europäische Zielgruppen zu erreichen, obwohl der Zugang zu RT-Inhalten innerhalb der EU untersagt ist. Das geht aus einer neuen Recherche von NewsGuard hervor. Innerhalb von nur fünf Tagen verzeichnete der Account 6 Millionen Aufrufe.

Mehrere Hinweise sprechen dafür, dass der neue Account von RT selbst betrieben wird oder zumindest eng mit dem Sender verbunden ist. Viele Beiträge tragen das offizielle RT-Logo sowie den bekannten Slogan „Freiheit statt Zensur, Wahrheit statt Narrativ“. Zudem werden Inhalte des Accounts regelmäßig vom offiziellen RT-X-Account @RT_com weiterverbreitet – einem Konto, das aufgrund der EU-Sanktionen für Nutzerinnen und Nutzer in der EU nicht zugänglich ist. Ein weiteres Indiz ist, dass RT-Chefredakteurin Margarita Simonyan dem Account folgt – ein Verhalten, das wenig plausibel erscheint, wenn dieser nicht offiziell oder zumindest eng mit RT verbunden wäre.

Auffällig ist zudem, dass RT seine Verbindung zu @RT_on_X offenbar kaum zu verschleiern versucht. Das könnte darauf hindeuten, dass der Account bewusst eingerichtet wurde, um die Wirksamkeit der EU-Sanktionen öffentlich infrage zu stellen.

Hintergrund: Im März 2022, wenige Tage nach Russlands großflächiger Invasion in der Ukraine, verbot die Europäische Union allen Rundfunkanstalten und Online-Plattformen die Verbreitung von RT-Inhalten innerhalb der EU. Damals bezeichnete der EU-Rat RT als „wesentlich und maßgeblich für die Vorantreibung und Unterstützung der militärischen Aggression gegen die Ukraine sowie für die Destabilisierung ihrer Nachbarländer“. 

Ein genauerer Blick: Beiträge des neuen Accounts @RT_on_X verstärken durchgehend kremlfreundliche Standpunkte. Dazu gehören die Darstellung des russischen Angriffs auf die Ukraine als „Befreiung“, die Herabsetzung Europas wegen seiner Unterstützung der Ukraine und seiner Einwanderungspolitik sowie Lob des russischen Verbündeten China für dessen technologischen Fortschritte.

Beiträge des neuen Accounts zeigen ein fünfjähriges Mädchen, das angeblich allein zurückgelassen wurde, nachdem ihr Vater in der Ukraine eingezogen wurde (links), und greifen eine Nachricht auf, wonach ukrainische Mieter angeblich eine deutsche Vermieterin bestohlen hätten (rechts). (Screenshots via NewsGuard)
  • Weitere Beiträge zeigen hochentwickelte chinesische Roboter, berichten über angebliche Benachteiligungen von Unterstützern der Palästinenser im Westen oder präsentieren Bilder vermüllter Straßen in Frankreich als vermeintlichen Beleg für die negativen Folgen von Einwanderung.
  • Wie auch die offiziellen RT-Kanäle verbreitet der Account regelmäßig Inhalte, die antiukrainische Stimmung schüren. So zeigte beispielsweise ein Beitrag vom 29. Juni ein junges ukrainisches Mädchen, das weinte, nachdem ihr Vater angeblich „von Selenskyjs Einberufungsbeamten mitgenommen“ worden sei. Ein weiterer Beitrag vom 30. Juni zeigte eine Vermieterin in Deutschland, die behauptete, Ukrainer hätten ihr Haus „ausgeplündert“.
Der offizielle RT-Account scheint auf dem neuen Account einen Kommentar zu einem Video zu hinterlassen, in dem es um den Zusatz von Chemikalien in Eiscreme in den USA geht, während er noch als offizieller RT-Account angemeldet ist. (Screenshot via NewsGuard)

Weitere Hinweise: Offenbar unterlief den Betreibern der Accounts ein Fehler: Nachdem @RT_on_X ein Video über Chemikalien gepostet hatte, die angeblich in den USA Eis zugesetzt werden, um dessen Schmelzen zu verhindern, antwortete der offizielle RT-Account mit zusätzlichen Informationen zu genau diesem Video. Das legt nahe, dass beide Accounts möglicherweise von derselben Person verwaltet werden und versehentlich nicht auf das richtige Konto gewechselt wurde.

Einordnung: RT, damals noch unter dem Namen „Russia Today“, wurde 2005 im Rahmen der Bemühungen der russischen Regierung gegründet, ihren Einfluss im Ausland auszuweiten. Seit seiner Gründung hat sich RT zu einer der weltweit bedeutendsten Quellen staatlich verbreiteter Desinformation entwickelt. Nach Angaben von NewsGuard wurden seit Anfang 2022 insgesamt 100 nachweislich falsche Behauptungen identifiziert, die vom Netzwerk verbreitet oder verstärkt wurden.

  • Die Online-Kanäle des RT-Netzwerks sind in zehn Sprachen verfügbar, darunter Spanisch, Arabisch und Französisch. Neben der EU ist RT auch in Großbritannien, der Ukraine, Kanada und Australien verboten oder stark eingeschränkt. Zwar ist RT in den USA nicht verboten, doch US-Sanktionen haben die Geschäftstätigkeit des Senders dort eingeschränkt. Außerdem hat Meta, der Betreiber von Instagram und Facebook, die RT-Konten weltweit von seinen Plattformen entfernt.
  • Der offizielle RT-Account auf X hat laut Plattformangaben 3,5 Millionen Follower. Der neue Account @RT_on_X hat rund 1.000 Follower und veröffentlichte seit seinem Start am 25. Juni 2026 insgesamt 631 Beiträge. Wie bereits erwähnt, erzielten diese Beiträge insgesamt rund sechs Millionen Aufrufe.
  • NewsGuard fand auf anderen Plattformen wie TikTok, Instagram oder Facebook keine vergleichbaren neu eingerichteten RT-Accounts.

Auf Anfrage zu diesem Account erklärte ein Sprecher der Europäischen Kommission in einer am 1. Juli 2026 per E-Mail an NewsGuard übermittelten Stellungnahme: „Die Sanktionen gelten für sämtliche Mittel der Übertragung und Verbreitung“, darunter auch über „Plattformen, Websites und Apps“. Zudem fügte der Sprecher hinzu: „Wir stehen diesbezüglich mit den nationalen Behörden in Kontakt.“

NewsGuard kontaktierte außerdem die Pressestellen von RT und X per E-Mail und bat um eine Stellungnahme zum neuen Account, erhielt jedoch keine Antwort.