Image via Canva

Vor den Wahlen: Russlands Kampagne gegen Armenien

Im Vorfeld der bevorstehenden Parlamentswahl in Armenien produzierte eine prorussische Einflusskampagne innerhalb nur einer Woche 31 gefälschte Nachrichtenberichte, um einen Oppositionskandidaten zu fördern, der engere Beziehungen zu Russland anstrebt.

Von Alice Lee | Veröffentlicht am 28. Mai 2026

 

In einem letzten Versuch, den armenischen Premierminister Nikol Paschinjan vor der Parlamentswahl am 7. Juni 2026 zu diskreditieren, hat die russlandnahe Matryoshka-Kampagne eine Flut gefälschter Nachrichtenberichte fabriziert. Darin wird Paschinjan als übergriffiger, kriegstreiberischer Betrüger dargestellt. Wie NewsGuard feststellte, verbreitete die Kampagne in nur einer Woche im Mai 31 Behauptungen über Paschinjan, der engere Beziehungen zum Westen anstrebt. Jede dieser Falschbehauptungen wurde so gestaltet, als stamme sie von einer bekannten und glaubwürdigen Nachrichtenorganisation.

Paschinjan wurde 2018 gewählt, nachdem er eine friedliche Protestbewegung gegen die frühere, an Russland orientierte Regierung angeführt hatte. Seither hat er versucht, den Binnenstaat der ehemaligen Sowjetunion näher an die Europäische Union heranzuführen. Im April 2026 richtete er sogar einen EU-Armenien-Gipfel aus. In den Umfragen liegt er derzeit deutlich vor seinem wichtigsten Gegner, dem russisch-armenischen Geschäftsmann Samwel Karapetjan. Allerdings gibt fast ein Viertel der Wählerinnen und Wähler an, noch unentschlossen zu sein.

Die gefälschten Berichte wurden von anonymen X-Accounts gepostet, die zuvor kaum oder gar keine Beiträge veröffentlicht hatten. Die Posts erschienen jeweils innerhalb weniger Minuten, was auf eine koordinierte Kampagne durch nicht authentische, mit Russland verbundene Konten hindeutet. In den Berichten wurde Paschinjan unter anderem vorgeworfen, einen Wahlbetrug zu planen, einen Krieg mit Russland vorzubereiten und sich gegenüber Mitarbeitern unangemessen zu verhalten.

Diese gefälschten Berichte imitierten 17 internationale Medien, darunter das Magazin Wired, der britische Telegraph, der französische Staatssender France 24 sowie die armenischen Nachrichtenseiten ArmenPress und CivilNet.

EIN ANGRIFF AN MEHREREN FRONTEN

NewsGuards Analyse der 31 gefälschten Nachrichtenberichte ergab: 38 Prozent legten nahe, dass Paschinjan im In- und Ausland an Rückhalt verliert. 25 Prozent warfen ihm vor, Wahlbetrug zu begehen oder Einflusskampagnen zu seinen Gunsten zu betreiben. 12 Prozent beschuldigten ihn, Armenien in einen Krieg gegen Russland zu führen. Weitere erfundene Behauptungen besagten, Paschinjan kämpfe gegen Krebs, sei sexueller Übergriffe beschuldigt worden und unterdrücke die Pressefreiheit. So wurde er als autoritär dargestellt.

Aufschlüsselung der von Matryoshka verbreiteten gefälschten Nachrichtenmeldungen nach Erzählmustern, gerichtet gegen den armenischen Premierminister Nikol Paschinjan.

Mehrere Videos der Einflusskampagne gegen Paschinjan nutzen KI, um Inhalte aus echten Nachrichtenbeiträgen zu verändern und noch authentischer zu wirken. So begann etwa ein am 22. Mai 2026 auf X veröffentlichter Beitrag, der angeblich vom bekannten Sender Euronews stammte, mit einem Segment der Korrespondentin Méabh Mc Mahon. Das Video begann mit einem echten Beitrag aus der Reihe „Europe Today” des Senders. Anschließend wechselte es zu Archivaufnahmen von Paschinjan und leitete mit Hilfe einer KI-generierten Version von Mc Mahons Stimme nahtlos zu Falschbehauptungen über.

Ein Video nutzt das Branding von Euronews, um fälschlicherweise zu behaupten, Paschinjan habe den persönlichen Assistenten seiner Pressesprecherin tätlich angegriffen. (Screenshot via NewsGuard)

Mc Mahons Voiceover berichtet zunächst über „Paschinjans aggressiven Krebs” und behauptet, Onkologen zufolge habe er „nicht mehr als zwei bis drei Jahre zu leben”. Anschließend geht der Beitrag zu Missbrauchsvorwürfen über: „Insider berichten zudem, dass Nikol Paschinjan den persönlichen Assistenten seiner Pressesprecherin tätlich angegriffen hat”, sagt die Stimme. „Das Opfer versteckt sich derzeit in Frankreich.”

Der gefälschte Euronews-Beitrag erreichte auf X innerhalb von vier Tagen 223.000 Aufrufe. Mc Mahon antwortete nicht auf eine am 26. Mai 2026 per E-Mail versandte Anfrage von NewsGuard.

Ein Video, das Politico imitiert, behauptet fälschlicherweise, Cher habe sich gegen Paschinjan geäußert. (Screenshot via NewsGuard)

SOGAR CHER MISCHT ANGEBLICH MIT

Matryoshka, benannt nach den russischen Schachtelpuppen (Matrjoschka), hat auch Meldungen über Prominente mit armenischen Wurzeln und Verbindungen erfunden. Dazu zählen die Sängerin Cher und der Realitystar Kris Jenner. In gefälschten Beiträgen, die Politico und andere bekannte Medien nachahmen, hieß es, die beiden lehnten Paschinjan ab.

Im März 2026 gab sich Matryoshka sogar als NewsGuard aus und erfand Zitate des Co-CEO Gordon Crovitz über angebliche Einflussoperationen zugunsten Paschinjans. Wie NewsGuard bereits berichtete, hat sich Crovitz nie öffentlich zu Armenien geäußert. NewsGuard hat zudem nie derartige Operationen festgestellt.

Eine Umfrage des in Washington D.C. ansässigen Thinktanks International Republican Institute vom 22. Mai 2026 zeigt, dass Paschinjans Partei “Zivilvertrag” (Civil Contract) vor den pro-russischen nationalistischen Parteien liegt und derzeit auf 32 Prozent der Stimmen kommt. Ihr Hauptrivale, die Partei “Starkes Armenien” (Strong Armenia), die engere Beziehungen zu Russland befürwortet, kommt auf 9 Prozent. Es besteht jedoch weiterhin erhebliche Unsicherheit. Dieselbe Umfrage gab an, dass 23 Prozent der Befragten unentschieden sind und 21 Prozent die Antwort verweigerten.

Russland hat offensichtlich nicht aufgegeben. In den vergangenen acht Monaten vor der Wahl in Armenien haben russische Akteure fast 400 Falschmeldungen gegen Paschinjan produziert. Das berichtet das anonyme Projekt Antibot4Navalny, das russische Desinformation verfolgt.

Matryoshka hatte zuvor die US-Präsidentschaftswahl im November 2024, die deutsche Bundestagswahl im Februar 2025 und die Wahl in der Republik Moldau im September 2025 ins Visier genommen. Bei der Wahl in Moldau versuchte Russland, die pro-westliche Partei zu schwächen, die sich letztlich durchsetzte. 

Keine dieser Kampagnen dauerte jedoch so lange wie die Operation gegen Armenien, die ein Jahr vor den Wahlen des Landes begann, wie NewsGuard feststellte. Laut Antibot4Navalny wird Armenien bis zum Wahltag mit hoher Wahrscheinlichkeit die Republik Moldau als wichtigstes Ziel russischer Desinformation ablösen.