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Einflusskampagne auf TikTok nutzt KI-Videos zur Unterstützung von Ungarns Orbán vor entscheidenden Wahlen

Während Experten vor russischer Einflussnahme auf die ungarischen Parlamentswahlen im April warnen, hat NewsGuard 34 koordinierte TikTok-Konten identifiziert, die mit KI-generierten Inhalten Orbáns Herausforderer Péter Magyar angreifen.

Von Alice Lee und Madeline Roache | Ursprünglich veröffentlicht am 20. März 2026

 

Eine Einflussoperation nimmt Ungarns richtungsweisende Parlamentswahl im April 2026 ins Visier und setzt dabei auf Hunderte KI-generierter TikTok-Videos, die darauf ausgerichtet sind, den prorussischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu stärken und seinen Herausforderer Péter Magyar zu diskreditieren.

Das von NewsGuard identifizierte Netzwerk aus 34 anonymen Konten nutzt KI, um Videos zu produzieren. Diese reichen von vergleichsweise harmlosen Inhalten, etwa wenn anti-Magyar-Kommentare sprechenden Tieren in den Mund gelegt werden, bis hin zu ernst zu nehmenden Formaten, wie gefälschte Nachrichtenberichte mit diffamierenden Behauptungen über Magyar und seine Partei.

NewsGuard stellte außerdem fest, dass die russische Einflusskampagne namens Matryoshka ebenfalls damit begonnen hat, auf X und Telegram im Vorfeld der ungarischen Wahl falsche Behauptungen zu verbreiten. (Mehr dazu weiter unten.)

Die Kampagnen erfolgen inmitten von Warnungen europäischer Sicherheitsexperten vor russischer Wahleinmischung in die ungarischen Parlamentswahlen am 12. April 2026, die den russischen Einfluss im europäischen Gefüge erheblich beschneiden könnten. Orbán gilt als verlässlicher Verbündeter Russlands. Seit Russlands vollständiger Invasion der Ukraine im Jahr 2022 hat er sein Vetorecht in der Europäischen Union wiederholt genutzt, um Finanzhilfen für Kiew zu blockieren oder zu verzögern. Sollte Orbáns Partei Fidesz ihre parlamentarische Mehrheit verlieren, würde Orbán aller Voraussicht nach sein Amt verlieren.

„Orbán ist Putins direktester Einflusskanal innerhalb der EU”, sagte Eva Bognar, eine in Budapest ansässige Senior Program Officer am Democracy Institute der Central European University, gegenüber NewsGuard in einem Interview am 18. März 2026. „Russische Einflussnahme ist jetzt, da wir uns im Wahlkampf befinden, ein ernstes Anliegen.”

Sowohl der Kreml als auch die Regierung Orbáns haben russische Einflussnahme bestritten. Dmitri Peskow, Putins Sprecher, erklärte in einem Statement gegenüber der Financial Times vom 10. März 2026: „Sie ziehen höchstwahrscheinlich falsche Schlüsse auf der Grundlage von Fake [News].” Orbáns Regierung teilte der Zeitung mit, es handele sich um eine „linke Falschbeschuldigung.” NewsGuard kontaktierte ungarische und russische Behörden um eine Stellungnahme, erhielt jedoch keine Antwort.

NewsGuard konnte den Ursprung der TikTok-Kampagne nicht abschließend zurückverfolgen. Allerdings wurden von den 34 identifizierten Konten 22 innerhalb von nur zwei Tagen im Januar 2026 erstellt, was auf eine sorgfältig koordinierte Aktion hindeutet. Alle 34 Konten sind anonym, und ihre Profilbilder sind allesamt KI-generierte Bilder oder Grafiken mit der ungarischen Flagge.

TikTok teilte auf seiner Webseite mit, in den vergangenen vier Monaten vier Netzwerke von der Plattform entfernt zu haben, die nach Einschätzung des Unternehmens „auf den politischen Diskurs in Ungarn abzielten”. Ein solches Netzwerk habe „unechte Konten erstellt, um Narrative, die die Tisza-Partei kritisieren, künstlich zu verstärken”, so TikTok. Nachdem NewsGuard einen Teil der für diesen Bericht identifizierten Konten mit TikTok geteilt hatte, erklärte das Unternehmen per E-Mail: „Wir haben diese Konten gesperrt, da sie Teil einer verdeckten Einflussoperation sind, die wir zuvor bereits unterbunden hatten. Vor den ungarischen Wahlen arbeiten unsere Sicherheitsexperten gemeinsam mit fortschrittlichen Technologien daran, eine sichere und authentische TikTok-Erfahrung zu gewährleisten, indem wir Täuschungsversuche unterbinden und den Zugang zu zuverlässigen Informationen sicherstellen.”

KI-GENERIERTE NACHRICHTENSPRECHER GREIFEN MAGYAR AN

Ein Konto des TikTok-Netzwerks namens „BrüsszelÜzem” (ungarisch für „Brüsseler Betrieb”) veröffentlichte sechs gefälschte Nachrichtenberichte, in denen eine KI-generierte Nachrichtensprecherin angeblich über Magyars vermeintliche Wutausbrüche berichtet – häufig unter Einbeziehung von „Experten”, die ebenfalls KI-generiert sind. Diese sechs Beiträge erzielten bis zum 16. März 2026 insgesamt 385.000 Aufrufe und 5.400 Likes.

KI-generierte gefälschte Nachrichtensendungen, die den ungarischen Oppositionsführer Péter Magyar diskreditieren. (Screenshots via NewsGuard)

NewsGuards Analyse mithilfe der KI-Erkennungssoftware Hive ergab, dass die Sprecherin in allen sechs Videos mit 100-prozentiger Sicherheit KI-generiert war – ebenso wie die vermeintlichen Gastexperten. Zudem identifizierte NewsGuard mehrere Hinweise auf eine künstliche Generierung, darunter ein auffällig statisches Gesicht der Sprecherin beim Reden sowie schnelles und unnatürliches Blinzeln.

Die Berichte verwendeten echtes Videomaterial von Magyar, fügten jedoch vermeintliche Berichterstattung hinzu, die ihn als aggressiv darstellen soll. In einem Video erklärte die KI-generierte Sprecherin beispielsweise: „Und nun zu einer außergewöhnlichen Nachricht: Péter ‚Péti’ Magyar hat sein wahres Gesicht gezeigt. Die folgenden Aufnahmen könnten für manche verstörend sein; das Ansehen erfolgt auf eigene Verantwortung.” Anschließend folgen kurze Clips von Magyar bei Presseauftritten, in denen er offenbar aufgrund technischer Probleme sichtbar irritiert wirkt.

Der Clip zeigte daraufhin einen vermeintlichen Experten, der als ungarischer Verhaltenswissenschaftler „Dr. Zoltán Ferenczi” vorgestellt wurde und der „Nachrichtensprecherin” telefonisch mitteilte: „Dieses Verhalten ist häufig ein Zeichen von unterdrückter Aggression, die sich oft in körperliche Handlungen entladen kann.” NewsGuard fand keinen Beleg für die Existenz eines Verhaltenswissenschaftlers mit diesem Namen. Die Aufnahmen zeigen Magyar zwar etwas gereizt, jedoch keine „verstörenden“ Aufnahmen von Aggression, wie die KI-generierte Sprecherin behauptete.

ANGRIFFE AUF DIE UKRAINE ZUR STÄRKUNG VON ORBÁN

Viele der TikTok-Videos befassen sich mit dem russisch-ukrainischen Krieg und dessen möglichen Auswirkungen auf Ungarn. Sie kritisieren häufig Magyars angebliche Nähe zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und warnen Wähler davor, dass ungarische Männer unter seiner Führung zum Militärdienst eingezogen werden könnten, um für die Ukraine zu kämpfen.

Tatsächlich hat Magyar keine ausdrücklich pro-ukrainische Haltung eingenommen. Einige politische Analysten haben erklärt, dass von Magyar erwartet werde, Ungarn in Fragen wie dem Krieg in der Ukraine näher an den europäischen Mainstream heranzuführen. Dennoch hat Magyar keine entschiedenen pro-ukrainischen Maßnahmen angekündigt und erklärt, weder Truppen noch militärische Hilfe in die Ukraine entsenden zu wollen.

Einige der TikTok-Videos sollen Ängste vor steigenden Strom- und Gaspreisen schüren oder greifen Sorgen in Ungarns konservativer und religiöser Gesellschaft über den Einfluss dessen auf, was Orbán als „LGBT-Lobby” bezeichnet. Ein TikTok-Video auf dem Kanal @mi.lenne.ha (ungarisch für „Was wäre wenn”) zeigte beispielsweise eine fiktive Zukunft unter Magyars Partei, in der die LGBT+-Flagge neben der ungarischen Flagge hängt und Drag Queens Kinder in Schulen unterrichten.

VON TEDDYBÄREN BIS JOHNNY DEPP

Die Konten setzen alles ein – von Teddybären und Babys über Disney-Figuren bis hin zu Hollywood-Stars –, um ihre Anti-Magyar-Botschaft zu verbreiten. Ein Konto namens „Hunywood” veröffentlichte KI-generierte Videos der Schauspieler Johnny Depp und Leonardo DiCaprio sowie des US-Influencers und Profiboxers Jake Paul, in denen Magyar diffamiert wird. Bis zum 17. März 2026 hatte das Konto 13 entsprechende Videos veröffentlicht, die zusammen 105.000 Aufrufe erzielten.

Ein anonymes Konto veröffentlicht KI-generierte Videos von Leonardo DiCaprio (links) und Johnny Depp (rechts), um Wähler vor einer Stimme für Magyar zu warnen. (Screenshots via NewsGuard)

In einem Video ist ein KI-generierter Johnny Depp zu sehen, der in einem Restaurant in die Kamera spricht und Wähler warnt, Magyar werde die Energiepreise erhöhen. „Der Strom war so günstig in diesem Luxusrestaurant”, sagt die künstliche Figur und fügt hinzu, dass sich dies ändern werde, sollte Magyar an die Macht kommen. Das Video erzielte in zwei Tagen 13.000 Aufrufe. (Im Gegensatz zu den gefälschten Nachrichtenberichten sind die Videos auf diesem Konto als KI-generiert gekennzeichnet.)

Obwohl DiCaprio und Depp keine offensichtliche direkte Verbindung zu Ungarn oder dessen Innenpolitik haben, sind sie im Land bekannt. Hollywood-Filme mit den Schauspielern werden in ungarischen Kinos und im Fernsehen häufig gezeigt, und Depp drehte Teile des 2024er Films „Modi: Three Days on the Wing of Madness”, bei dem er Regie führte, in Budapest. Auch Jake Paul hat keine offensichtliche Verbindung zu Ungarn, aber Nachrichten über den Boxer werden regelmäßig von wichtigen ungarischen Medien aufgegriffen.

Es gibt keine öffentlichen Aufzeichnungen darüber, dass DiCaprio, Depp oder Paul die ungarischen Wahlen kommentiert hätten. NewsGuard kontaktierte die Vertreter von DiCaprio, Depp und Paul per E-Mail, um eine Stellungnahme zu den Videos einzuholen, erhielt jedoch keine Antworten.

Anonyme Anti-Magyar-Konten zeigen Gemüse, Tiere, Zeichentrickfiguren und Kleinkinder, die Anti-Magyar- und Anti-Selenskyj-Meinungen verbreiten. (Screenshots via NewsGuard)

ES BLEIBT NICHT BEI TIKTOK

Wie oben erwähnt, ist die TikTok-Kampagne nicht die einzige, die NewsGuard identifiziert hat. Innerhalb von nur drei Tagen verbreitete die russische Einflussoperation Matryoshka mindestens fünf Falschbehauptungen, die darauf abzielten, die Ukraine zu diskreditieren und damit indirekt den prorussischen Orbán zu stärken.

So behauptete beispielsweise ein am 17. März 2026 auf X veröffentlichtes Video mit Microsoft-Logo, dass „ukrainische Hacker ungarische Regierungswebsites, Flughäfen und Banken angreifen”. NewsGuard fand weder bei Microsoft noch in seriösen Medien Hinweise auf solche Angriffe. Microsoft reagierte nicht auf eine Anfrage von NewsGuard.

Weitere Falschmeldungen auf X und Telegram von Matryoshka behaupteten, Selenskyj habe ein „HIV-Kommando” ukrainischer Frauen entsandt, um ungarische Männer zu infizieren, Ukrainer hätten Freunde von Orbáns Kindern und Enkeln bedroht, oder sie würden Videos verbreiten, in denen die ungarische Flagge verbrannt werde.

RUSSISCHE EINMISCHUNG WIRD ZUM WAHLKAMPFTHEMA

Magyar scheint sich der mutmaßlichen russischen Einflussversuche bewusst zu sein. Er warf Orbáns Partei Fidesz vor, mit Russland zu konspirieren. In einem Beitrag auf X vom 10. März 2026 schrieb er, dass „Fidesz mit Hilfe russischer Geheimdienste eine Verleumdungs- und Desinformationskampagne starten wird, die zuvor in Moldau getestet wurde, vor allem in sozialen Medien, insbesondere auf TikTok.” Im Vorfeld der moldauischen Wahl hatte NewsGuard ein anonymes Netzwerk aus 50 TikTok-Konten aufgedeckt, das versuchte, die proeuropäische Kandidatin Maia Sandu zu diskreditieren, die letztlich gewann.

Umfragen zufolge liegt Orbáns Partei mit 39 Prozent hinter Magyars Tisza-Partei mit 48 Prozent (Politico, Stand: 19. März 2026). Politische Analysten betonen jedoch, dass das Rennen noch längst nicht entschieden sei und Orbán möglicherweise noch gewinnen könne.

Überraschend sei für einige Analysten nicht die koordinierte Einmischung selbst, sondern ihr vergleichsweise später Beginn im Vergleich zu ähnlichen Kampagnen in Moldau, Rumänien und Armenien. Ein möglicher Grund sei eine anfängliche Selbstsicherheit im Orbán-Lager, die durch jüngste Umfragen erschüttert worden sei.

Botond Feledy, ungarischer Politikwissenschaftler und Non-Resident Fellow des Budapester Thinktanks Centre for Euro-Atlantic Integration and Democracy, erklärte gegenüber NewsGuard per E-Mail: „Die schwache Wahlposition von Fidesz könnte in dieser letzten Phase des Wahlkampfs das Notfalleingreifen Russlands ausgelöst haben.”

Mascha Wolf hat zu diesem Bericht beigetragen.

Redaktion: Dina Contini und Eric Effron