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Gestohlene Glaubwürdigkeit: Russische Fälschungen etablierter Medien nehmen um 850 Prozent zu

NewsGuard und andere Forscher identifizierten 906 gefälschte Nachrichtenberichte, die 163 Medien aus 21 Ländern zugeschrieben wurden. Hinter den Fälschungen stehen drei russische Einflussoperationen. Zu den betroffenen Medien gehören auch die Deutsche Welle, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Der Spiegel.

Von Alice Lee und Madeline Roache | Veröffentlicht am 28. Sept. 2026

 

Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 haben russische Einflussoperationen 906 gefälschte Nachrichtenberichte in Umlauf gebracht und sie etablierten Medien fälschlich zugeschrieben. Das zeigt eine Analyse von NewsGuard. Ziel der Kampagnen ist es, die Unterstützung des Westens für die Ukraine zu schwächen. Dafür machen sie sich das Vertrauen in etablierte Medien zunutze, um ihren Falschbehauptungen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Russland setzt diese Taktik fast seit Beginn der Invasion ein. Im vergangenen Jahr hat sie jedoch stark zugenommen. Das deutet darauf hin, dass die russischen Behörden sie für wirksam halten. Laut NewsGuard stieg die Zahl der Fälschungen, die angeblich von vertrauenswürdigen Medien stammen, von 44 im ersten Halbjahr 2025 auf 421 im ersten Halbjahr 2026. Das entspricht einem Anstieg um 850 Prozent.

Insgesamt nahmen die Kampagnen 163 Medienmarken ins Visier. Darunter sind große Namen wie die BBC, Politico, Bloomberg News und Euronews, aber auch kleinere Titel wie die ukrainische Nachrichtenseite The Kyiv Independent, die britische Regionalzeitung The Yorkshire Post und die französische Regionalzeitung La Montagne. Auch deutsche Medien wurden wiederholt ins Visier genommen. Darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutsche Welle und Der Spiegel. 

Die Kampagnen kopieren stets Logo und Layout der Medien. Manchmal richten sie sogar eigene Webseiten ein, deren Adresse der echten ähnelt. Für Nutzer ist die Fälschung so kaum zu erkennen. Oft enthalten die Berichte erfundene Zitate echter Fachleute.

Die Falschbehauptungen sind vielfältig. Sie reichen von der Behauptung, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe westliche Hilfsgelder veruntreut und sei kokainabhängig, bis zu Pädophilie-Vorwürfen gegen Bundeskanzler Friedrich Merz und den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Deutschland und Frankreich gehören zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine in Europa. Nach der Ukraine  sind sie die häufigsten Ziele der russischen Kampagnen.

Welche Medien imitiert wurden und wie viele gefälschte Artikel auf jedes einzelne entfallen, zeigt das Media Imposter Tracking Center von NewsGuard. Sie finden es hier.

In die Gesamtzahl fließen nicht nur die von NewsGuard entdeckten Fälschungen ein. Berücksichtigt wurden auch Fälle, die von drei weiteren Stellen identifiziert wurden: dem Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation, einer ukrainischen Regierungsbehörde, der französischen Behörde Viginum und der anonymen Forschungsgruppe Antibot4Navalny.

FALSCHE ARTIKEL, ECHTE MEDIENMARKEN

Die meisten dieser Fälschungen stammen von zwei Einflusskampagnen mit Verbindungen zur russischen Regierung: Matryoshka und Storm-1516. Beide missbrauchen etablierte Medienmarken, gehen dabei jedoch unterschiedlich vor. Matryoshka ist nach der russischen Schachtelpuppe benannt. Die Kampagne produziert oft Dutzende schlicht gemachte Fake-Videos pro Tag und gibt sie als Inhalte seriöser Medien aus. Verbreitet werden die Videos über X und Telegram. Sie richten sich vor allem gegen die Ukraine, Europa und die USA.

Storm-1516 produziert weniger Inhalte, geht dabei aber deutlich aufwendiger vor. Die Kampagne erfindet ausgefeilte Geschichten und imitiert dafür echte Medien, Journalisten und Organisationen. Am Anfang steht meist ein gefälschter Artikel oder ein Video. Anschließend verbreitet ein Netzwerk von X-Konten die Inhalte weiter, die so häufig mehrere zehn Millionen Aufrufe erreichen. Zu den häufigsten Zielen von Storm-1516 gehörten bislang die Ukraine, Armenien, Frankreich und Deutschland. Besonders aktiv war die Kampagne im Vorfeld der Bundestagswahl im Februar 2025, als sie gefälschte Videos über deutsche Spitzenpolitiker in Umlauf brachte.

Eine weitere russische Kampagne namens Doppelgänger setzte ähnliche Methoden bereits vor Matryoshka und Storm-1516 ein. Sie baute echte Nachrichtenseiten nach und veröffentlichte darauf gefälschte Artikel. Die Aktivitäten von Doppelgänger scheinen seit 2024 deutlich zurückgegangen zu sein.

Fälschungen und Nachahmungen gehören bereits seit Sowjetzeiten zum Repertoire russischer Einflussoperationen im Ausland. Doch heute spielen diese Methoden bei kremlnahen Informationsoperationen eine größere Rolle als je zuvor. Ein Grund dafür ist künstliche Intelligenz: Mit ihrer Hilfe lassen sich überzeugende Fälschungen schneller, einfacher und in großer Zahl produzieren. Sie können Falschbehauptungen glaubwürdiger erscheinen lassen – und zugleich das Vertrauen in seriöse Medien untergraben.

Die Grafik zeigt die 15 Medien, die am häufigsten für gefälschte Berichte imitiert wurden. Grundlage ist eine NewsGuard-Analyse von Berichten, die zwischen März 2023 und September 2026 entdeckt wurden.

ZIELSCHEIBE EUROPA

Laut der Analyse von NewsGuard sind europäische Medien das Hauptziel der Kampagnen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass Europa die Ukraine im Krieg gegen Russland weiterhin unterstützt. Insgesamt leisten europäische Staaten mehr militärische und finanzielle Hilfe für die Ukraine als jede andere Weltregion. Laut den Vereinten Nationen leben in Europa zudem 4,5 Millionen ukrainische Geflüchtete.

Mit Abstand am häufigsten imitiert wurde Euronews: Zwischen März 2023 und September 2026 zählte NewsGuard 82 gefälschte Berichte, die dem Sender zugeschrieben wurden. Der mehrsprachige Nachrichtensender mit Sitz in Frankreich berichtet schwerpunktmäßig über Europa und veröffentlicht Inhalte auf Englisch, Französisch, Deutsch und in zehn weiteren Sprachen. Euronews reagierte im Juli 2026 nicht auf eine Bitte von NewsGuard um Stellungnahme.

Auch deutsche Medien wurden wiederholt ins Visier genommen, darunter die Deutsche Welle (28 Fälle), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (25) und Der Spiegel (19). Alle drei gehören zu den 15 am häufigsten imitierten Medienmarken. Deutschland zählt zugleich zu den größten Geldgebern der Ukraine und hat die höchsten Verteidigungsausgaben in Europa. Das könnte mit erklären, warum deutsche Medien besonders häufig von den Kampagnen imitiert werden.

Acht der 15 am häufigsten imitierten Medien stammen aus Frankreich, darunter Libération (39 Fälle), BFM (35), France 24 (34) und Le Parisien (28). Frankreich spielt in der EU und der NATO eine wichtige Rolle: Nach Deutschland und Großbritannien hat es die dritthöchsten Verteidigungsausgaben in Europa. Zugleich sorgen Themen wie Migration, das Verhältnis zur EU und die Unterstützung der Ukraine immer wieder für innenpolitische Auseinandersetzungen. Solche Konfliktlinien bieten russischen Einflussoperationen zahlreiche Ansatzpunkte.

Ebenfalls häufig imitiert wurden die BBC (30), NewsGuard (25) und Politico (22).

Insgesamt imitierten die Kampagnen Medien aus 21 Ländern, darunter aus den USA, Armenien, Israel, Polen, Kanada und sogar aus dem Vatikan.

Ein gefälschter Artikel, der angeblich von Euronews stammt. Er erschien auf euronews.us.com statt auf Euronews.com. (Screenshot via NewsGuard)

Ein Beispiel ist ein angeblicher Euronews-Artikel vom März 2026. Darin hieß es, der proeuropäische ungarische Politiker Péter Magyar habe US-Präsident Donald Trump einen „senilen Opa“ genannt. Die Falschbehauptung sollte Magyar vor der entscheidenden Parlamentswahl in Ungarn in Misskredit bringen, die Magyar später gewann.

Ein angeblicher BBC-Bericht behauptete, Olena Selenska, die Frau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, habe im April 2025 versucht, aus der Ukraine zu fliehen. Wegen ihres angeblich „angespannten Verhältnisses“ zu ihrem Mann habe sie in einem europäischen Land Asyl erhalten. 

 

Ein gefälschter Artikel, der angeblich von der BBC stammt. (Screenshot via NewsGuard)

Die USA scheinen dagegen kein Hauptziel der Kampagnen zu sein. Zwar imitierten die Kampagnen 39 US-Medien, darunter CNN (22 Fälle), USA Today (12), Bloomberg (6), The Washington Post (5) und NBC News (4). Im Ranking liegen sie aber weit hinter den europäischen Medien.

Laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft leisten die USA weniger Hilfe für die Ukraine als die EU insgesamt. Das deutet darauf hin, dass russische Einflussoperationen vor allem einzelne EU-Staaten beeinflussen wollen, um die EU als Ganzes zu destabilisieren. Da Entscheidungen in der Außen- und Sicherheitspolitik der EU in der Regel die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten erfordern, kann bereits der Widerstand eines einzigen Landes ausreichen, um eine EU-weite Maßnahme zu verzögern oder zu blockieren.

VOM FAKE-BERICHT ZUR KI-ANTWORT

Die Kampagnen verbreiten ihre Botschaften auch über KI-Chatbots. Dafür fluten sie diese mit falschen und irreführenden Behauptungen, die russischen Interessen dienen. Diese Strategie setzt auf schiere Masse.

Laut NewsGuard tauchen Behauptungen aus gefälschten Nachrichtenberichten häufig im Pravda-Netzwerk auf. Es umfasst 280 Websites, die Artikel kremlnaher Kanäle weiterverbreiten, darunter auch deutschsprachige Ableger. 2025 veröffentlichte das Netzwerk rund 6,3 Millionen Artikel mit 115 Falschbehauptungen, wie NewsGuard ermittelte. Damit überschwemmt es das Informationsumfeld mit kremlnahen Inhalten. Weil KI-Modelle bei ihren Antworten auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen, steigt so die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Falschbehauptungen aufgreifen und wiedergeben.

Im April 2026 etwa veröffentlichte das Pravda-Netzwerk Artikel in zwölf Sprachen, die sich auf einen angeblichen Bericht des französischen Wochenmagazins Le Point beriefen. Demnach seien 20.000 ukrainische Soldaten nach ihrer medizinischen Behandlung in Frankreich desertiert und hätten sich kriminellen Banden angeschlossen. Ursprung der Behauptung war ein gefälschter Bericht mit dem Logo von Le Point, der auch in kremlnahen Telegram-Kanälen kursierte.

Le Point veröffentlichte nie einen solchen Bericht. Laut der Weltgesundheitsorganisation wurden seit 2022 insgesamt 6.400 ukrainische Soldaten und Zivilisten zur Behandlung ins Ausland gebracht. Glaubwürdige Berichte über Soldaten, die nach ihrer Behandlung im Gastland desertiert sind, gibt es nicht.

Trotzdem gab Googles „Übersicht mit KI“ die Falschbehauptung nur drei Tage nach dem Auftauchen der Fälschung als wahr wieder. Als Quelle führte das KI-System den gefälschten Bericht von Le Point an.

Googles „Übersicht mit KI“ gab Falschbehauptungen aus einem gefälschten Bericht wieder, der angeblich vom französischen Magazin Le Point stammte. (Screenshot via NewsGuard)

NewsGuard bat Google am 18. September 2026 per E-Mail um eine Stellungnahme und schickte den obigen Screenshot mit. Ein Google-Sprecher antwortete: „Wir legen die Messlatte für unsere KI-Funktionen in der Suche hoch und investieren erheblich in die Qualität der Antworten. Uns wurde lediglich ein unvollständiger Screenshot vorgelegt, und bei unserer eigenen Prüfung konnten wir diese Ergebnisse nicht reproduzieren.“ (Mit „unvollständig“ meinte Google, dass der Screenshot die Suchanfrage nicht zeigte.)

Die Kampagnen zielen auch darauf ab, die Arbeit von Faktencheckern zu stören. Die französische Behörde Viginum, die ausländische Einflussnahme beobachtet, schrieb in einem Bericht vom Februar 2025, Matryoshka und Storm-1516 wollten „die Arbeit der Faktencheck-Community diskreditieren und stören“. Laut Viginum schicken die Betreiber der Kampagnen gefälschte Berichte direkt per E-Mail an Journalisten und Faktenchecker und bitten sie, den Behauptungen nachzugehen. Auch NewsGuard erhielt solche E-Mails mit Links zu gefälschten Berichten und der Bitte, diese zu überprüfen. Ob die Absender zu einer der beiden Kampagnen gehörten, konnte NewsGuard allerdings nicht belegen.

Auch Unternehmen wie SpaceX und Microsoft wurden bereits zum Ziel von Matryoshka. Die Kampagne missbrauchte ihre Logos, um Falschbehauptungen über die Ukraine zu verbreiten. Häufig imitiert werden zudem internationale Nichtregierungsorganisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen. Deren Namen und Logos sollen den Falschbehauptungen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen, etwa bei erfundenen Geschichten über angebliche Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine.

ALARMSIGNALE

Westliche Regierungen, darunter die USA, Großbritannien und Kanada sowie Frankreich, bezeichneten russische Einflussoperationen als Bedrohung für die internationale Unterstützung der Ukraine und für demokratische Prozesse insgesamt. Der Europäische Auswärtige Dienst, der diplomatische Dienst der EU, schrieb in einem Bericht über ausländische Informationsmanipulation vom März 2026, Storm-1516 sei in der Lage, „authentische öffentliche Debatten zu unterwandern“.

Journalisten und Journalistinnen der imitierten Medien warnen, dass solche Kampagnen das Vertrauen in die Medien langfristig beschädigen könnten.

Die Unternehmenssprecherin der Deutschen Welle, Carla Hagemann, erklärte gegenüber NewsGuard: „Wenn Falschinformation im Namen und im Erscheinungsbild der DW verbreitet wird, besteht grundsätzlich die Gefahr, dass Nutzerinnen und Nutzer gefälschte Inhalte für authentische Berichterstattung halten.“ Langfristig bestehe die Gefahr, „dass die wiederholte Verbreitung gefälschter Inhalte das Vertrauen in Medien und faktenbasierte Informationen beeinträchtigt“.

Mitarbeit: Natalie Huet

Redaktion: Dina Contini und Eric Effron 

Anmerkung der Redaktion: Verlage, Plattformen, Werbetreibende, Behörden und andere Institutionen, die Zugang zur vollständigen Liste der gefälschten Berichte wünschen, können uns hier kontaktieren. Über ausländische Einflussoperationen und Trends, darunter das Imitieren von Medien, berichtet NewsGuard zudem in seinem wöchentlichen Global Risk Briefing.