Misinformation Monitor: Mai 2021

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Geschrieben von Marie Richter, Melissa Goldin, John Gregory und Kendrick McDonald
Mit Beiträgen von Chandler Kidd, Chine Labbé, Bron Maher und Virginia Padovese


“Politischer Medizinskandal”? Wie aus Behördenberichten irreführende Aussagen über Impftote konstruiert werden

Am 18. April 2021 veröffentlichte die britische Webseite The Daily Expose –⁠ die von NewsGuard als allgemein unzuverlässig eingestuft wurde ⁠– einen Artikel über den angeblichen Tod einer Zweijährigen. Ende Februar habe sie die zweite Dosis des Pfizer-BioNTech-Impfstoffs im Rahmen einer klinischen Studie des Unternehmens zu Kindern erhalten, was für sie tödlich geendet haben soll. Das Problem an dieser Berichterstattung? Der Fall ist offenbar erfunden. Laut einer Pfizer-Pressemitteilung erhielten Kinder unter fünf die Impfung erst ab April. Also über einen Monat später als der angebliche Vorfall. (Weitere Details zu diesem Fall finden Sie am Ende dieses Newsletters.) 

Trotzdem verbreitete sich diese Falschmeldung im Netz wie ein Lauffeuer. Nur zwei Tage nach der ersten Veröffentlichung auf der britischen Webseite kursierte sie schon weit in den sozialen Medien und auf deutschsprachigen Webseiten ⁠– wie z.B. auf der Facebook-Seite des Mediziners Wolfgang Wodarg und auf der anonym betriebenen Schweizer Nachrichten-Webseite Uncut-News.ch. Diese ist bereits seit Beginn der Pandemie dafür bekannt, Falschinformationen über das Virus zu verbreiten. Dazu gehören etwa Berichte über einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen 5G und COVID-19, oder dass von der Gates Foundation finanzierte Impfstoffe die Gehirne der Menschen kontrollieren könnten oder Quecksilber freisetzende Mikrochips beinhalteten.

(NewsGuard / Uncut-News.ch)

Falschinformationen wie diese rund um die Corona-Impfungen häufen sich auf den roten Webseiten von NewsGuard ⁠– und finden immer mehr Gehör in den sozialen Medien. (Uncut-News’ Artikel über den Tod des zweijährigen Mädchens erreichte laut CrowdTangle mehr als 298.000 Follower.) Immer wieder werden gezielt die Nebenwirkungen der Impfstoffe falsch dargestellt, übertrieben oder es wird sogar von erfundenen Todesfällen berichtet, um Misstrauen in die Regierung und das bundesweite Impfprogramm zu säen.

  • Ein Video vom Mai 2021 auf Compact-Online.de, der Webseite des rechtspopulistischen bis rechtsextremen monatlichen Magazins COMPACT, trug beispielsweise den Titel “Impfopfer: Das Leiden nach der Spritze”. Das Video beschreibt die Corona-Impfung als „politisch gewollte Impfung“ und stellt mehrere Falschaussagen zur Impfung auf: z.B. dass 60% der Geimpften mit Nebenwirkungen unter diesen dauerhaft leiden, und dass 2% daran sogar sterben. 
    • Nebenwirkungen können zwar in der Tat nach der Impfung auftreten, halten jedoch in der Regel nur wenige Tage an, so das Bundesministerium für Gesundheit. Die genannte Zahl ⁠stammt aus einer irreführenden Interpretation des jüngsten Sicherheitsberichts des Paul-Ehrlich-Instituts. Darin heißt es unter anderem, dass „40,1% der unerwünschten Reaktionen zum Zeitpunkt der Meldung wieder vollständig abgeklungen [waren]“. Das bedeutet jedoch nicht, dass die übrigen 60% dauerhaft bleiben. Dauerhafte Schäden werden im selben PEI-Bericht auf lediglich 0,6% geschätzt. 
    • Es gibt zudem bisher keine eindeutigen Erkenntnisse dazu, wie viele Menschen mit Nebenwirkung an diesen sterben. Der PEI-Sicherheitsbericht führte 49.961 gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen an, sowie 524 Todesfälle. Das entspräche in etwa 1% aller gemeldeten Verdachtsfälle, wobei eine direkte Verbindung zur Impfung in diesen Verdachtsfällen nicht bewiesen ist, wie auch der Sicherheitsbericht vermerkt.   
  • Ein Kommentar von Mai 2021, der auf der Webseite des russischen Propagandakanals RT DE veröffentlicht wurde, behauptet unter der Überschrift “Impfen, bis der Arzt kommt: Paul-Ehrlich-Institut meldet Hunderte Todesfälle,” dass das Paul-Ehrlich-Institut “524 Tote nach COVID-19-Impfungen” registriert habe. “Brisante Gefahren mit unbekannten Langzeitfolgen verschweigt es weiterhin”, so die Autorin.
    • Des weiteren heißt es: „Ungeachtet massiver Nebenwirkungen und Todesfälle läuft die Impfpropaganda in Deutschland zu immer neuen Höchstformen auf. […] Bahnt sich hier ein politischer Medizinskandal an? Schaut man auf die bisher erfassten Schäden durch die Vakzine, liegt das nahe.“
    • Der verlinkte Sicherheitsbericht des PEI bestätigt diese Zahl der gemeldeten Todesfälle. Er zeigt jedoch auch, dass der Kommentar von RT DE wichtigen Kontext stark herunterspielt. Die im Bericht aufgeführten Zahlen beziehen sich auf “gemeldete Verdachtsfälle”. Nicht alle davon sind also Fälle, bei denen das PEI von der Impfung als Ursache ausgeht. Im Bericht des PEI heißt es: „58 der 524 gemeldeten Todesfälle bezogen sich nicht auf eine Impfnebenwirkung, sondern auf eine COVID-19-Erkrankung […]. Bei der überwiegenden Mehrzahl der verstorbenen Personen bestanden multiple Vorerkrankungen, wie z. B. Karzinome, Niereninsuffizienz, Herzerkrankungen und arteriosklerotische Veränderungen, die vermutlich todesursächlich waren”. 
    • T-Online berichtete ebenfalls: „Bis zum 30. April 2021 verstarben insgesamt 524 Personen im Zeitraum von wenigen Stunden bis zu 40 Tage nach der Impfung, durchschnittlich im Alter von 84 Jahren. Diese Zahl übersteigt laut PEI jedoch nicht den Wert, der statistisch im selben Zeitraum in dieser Altersgruppe zu erwarten ist. Die Fälle werden aber genauer untersucht.“
    • Der RT DE-Artikel erreichte laut CrowdTangle mehr als 1,5 Millionen Follower auf Facebook.
  • Nur einen Tag später wurde diese irreführende Zahl der “524 Corona-Toten” auch von dem Nachrichtenblog des Journalisten Boris Reitschuster, aufgegriffen. In einem Artikel auf Reitschuster.de wird zu den Zahlen der Immunologe und wissenschaftliche Berater (von Reitschuster als “Impfexperte” beschrieben) Stefan Hockertz zitiert: “In beiden Fällen beziehen sich die Todesraten auf einen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit einem ärztlichen Eingriff, hier einer Impfung. […] Es liegt aber klar auf der Hand und ist, da sich die klinischen Prüfungen noch im Anfangsstadium befinden, eine ganz normale Reaktion auf ein ungeprüftes Arzneimittel.“ Der Artikel erreichte auf Facebook und Twitter mehr als 800.000 Menschen.
    • “Interessant ist, wie die großen Medien mit dem Thema umgehen: Es wird allenfalls beiläufig erwähnt. Suchanfragen bei Google-News mit einschlägigen Suchwörtern ergeben keine einzige Überschrift bei einem großen Medium, welches die Zahlen thematisieren würde. Das wirft die Frage auf, inwieweit die Medien hier ihrer Wächterfunktion nachkommen – oder beunruhigende Nachrichten aus ‘Staatsräson’ bzw. Rücksicht auf die Regierung verschweigen.”
    • Reitschuster.de hatte zuvor bereits dem PEI vorgeworfen, Daten absichtlich irreführend darzustellen.
  • Am 12. Mai 2021, also drei Tage nachdem die 524 Impf-Todesfälle zum ersten mal publiziert wurden, griff auch die Webseite des deutschen Ablegers von EpochTimes, einer rechtsgerichteten Zeitung, die von chinesischstämmigen Amerikanern gegründet wurde und mehrfach widerlegte Verschwörungstheorien veröffentlicht hat, die Story auf  ⁠– und erreichte weitere 62.000 Menschen. (Erst im letzten Satz des EpochTimes-Artikels werden die Vorerkrankungen der gemeldeten Verstorbenen kurz erwähnt.)
  • Auch zahlreiche andere von NewsGuard als unzuverlässig bewertete Webseiten (oder Webseiten mit erheblichen Punktabzügen) verbreiteten die Behauptung weiter, wie zum Beispiel das rechtsgerichtete Portal JournalistenWatch und die konservative Meinungswebseite Achgut
    • Dort hieß es in einem Beitrag vom Mai 2021, dass Impfungen angeblich “keinen nennenswerten Nutzen” hätten, obwohl dieser Nutzen in klinischen Studien umfassend nachgewiesen wurde.

Bereits im April 2021 veröffentlichte zudem der Schweizer Online-TV-Sender des Sektenführers Ivo Sasek, Kla.tv, ein Video, das sich auf Zahlen des PEI und der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) stütze, um vor Impfungen zu warnen. Unter dem Titel “DRINGENDER WECKRUF: Tausende sterben nach Corona-Impfung!” wird in dem Video behauptet, dass es aufgrund der Häufung von Todesfällen “völlig abwegig [sei], den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Todesfällen abzustreiten”. Das berichtete das investigative Recherchenetzwerk Correctiv.

  • In dem Video zeigte der Moderator Daten der EMA und des PEI, erwähnte laut Correctiv jedoch nicht, dass es sich bei diesen Meldungen um Verdachtsfälle handelt und “ein ursächlicher Zusammenhang in diesen Fällen aber nicht nachgewiesen [wurde]”.
  • Laut Correctiv wurde das Video vor allem auf Telegram geteilt, wo es Anfang Mai bereits mehr als 780.000-mal gesehen wurde

Einige von NewsGuard als „rot“ bewertete Webseiten teilen immer noch ein unbestätigtes Video einer Frau aus Indiana, die behauptete, dass sie nach der ersten Moderna-Impfung nicht aufhören konnte zu zittern. Das Video ging Anfang Januar in den USA viral, und obwohl ein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Symptomen der Frau nicht nachgewiesen werden konnte, wird es weiterhin dazu benutzt, um Menschen von einer Impfung abzuschrecken. 

  • So veröffentlichte beispielweise Kla.tv im April 2021 das Video der Frau mit Bezug auf die rot bewertete amerikanische Webseite Brighteon.com. In dem Video von Kla.tv wird behauptet, dass die Frau „in den Tagen nach [der Impfung] massive, unkontrollierbare Auswirkungen auf ihren eigenen Körper erlebte, die seitdem irreparabel sind. Ihr persönlicher Bericht ist sowohl schockierend als auch alarmierend. Überzeugen Sie sich selbst… – und warnen Sie Ihre Bekannten, Freunde und Verwandten.“ Diese falsche Warnung erreichte mehr als 100.000 Menschen auf Facebook. 

Wie in diesem Fall sind die Quellen für Desinformation oft unglaubwürdige Online-Medien aus dem Ausland, deren Aussagen von deutschen Webseiten übernommen werden. Oft geben sie zudem offizielle Zahlen und Statistiken des PEIs falsch oder ohne den nötigen Kontext wieder, wie die anderen Beispiele zeigen. Das ist ein Phänomen, das in den letzten Wochen noch eine offizielle Stelle betraf: So wurde auch das amerikanische Meldesystem für Impf-Nebenwirkungen ein fruchtbarer Boden für Desinformationen ⁠– und das nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa.  

In dem Beispiel des 2-jährigen Mädchens war genau dieses Meldesystem die einzige zitierte Quelle für den angeblichen Todesfall: das Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS). Die Datenbank wird seit 31 Jahren gemeinsam von den U.S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und der U.S. Food and Drug Administration (FDA) betrieben. Ihr Zweck: „ein nationales Frühwarnsystem zur Erkennung möglicher Sicherheitsprobleme bei in den USA lizenzierten Impfstoffen“, heißt es auf der Website.

Zwar stimmt es, dass am 5. März 2021 eine Meldung bei VAERS registriert wurde, in der es hieß, dass eine Zweijährige aus Virginia am 25. Februar den Corona-Impfstoff erhielt und zwei Tage später starb. Diesen Vorfall und diese Zweijährige hat es jedoch nie gegeben. Das immer wiederkehrende Problem wurde auf hier zum Verhängnis: jeder kann ungeprüft Einträge in das VAERS-System machen. Die CDC-Sprecherin Kristen Nordlund sagte gegenüber USA Today, dass der VAERS-Eintrag “komplett erfunden” war und die CDC daher den seltenen Schritt unternehmen werde, ihn aus dem VAERS-System zu entfernen. 

Dies ist bei weitem nicht das einzige Mal, dass Anti-Impf-Webseiten sich auf VAERS-Daten beziehen, um vor unbelegten und falschen Nebenwirkungen der COVID-19-Impfstoffe zur warnen (darunter Tod, Unfruchtbarkeit und Autoimmunerkrankungen). Tatsächlich beobachtete NewsGuard, dass rot bewertete Webseiten in Europa Impf-Desinformation sogar häufiger auf die US-amerikanischen VAERS-Daten stützen als auf die Daten der Gesundheitsbehörden des eigenen Landes, und so Ängste und Zweifel an der Sicherheit von Impfstoffen schüren. 

In Deutschland ist die VAERS-Datenbank nahezu doppelt so häufig die Grundlage für Berichterstattung auf NewsGuards roten Webseiten wie die PEI-Datenbank.
  • Ein Artikel vom Januar 2021 auf der Seite De.News-Front.info, die regelmäßig russische Propaganda verbreitet, behauptete beispielsweise: “Laut der US-Bundesdatenbank Vaccine Adverse Event Reporting System starben 55 Menschen innerhalb von Tagen nach der Impfung. Es ist erwähnenswert, dass bereits verstorbenen Patienten sowohl der berüchtigte Pfizer-Impfstoff als auch das Moderna-Medikament injiziert wurden.”
    • Die gleiche Meldung fand sich am gleichen Tag auf EpochTimes.de.
    • Aus der Anzahl der VAERS-Meldungen kann man jedoch nicht auf die Anzahl der Fälle schließen, da z.B. mehrere Personen das gleiche Ereignis melden können. Außerdem ist der Zusammenhang zur Impfung jeweils nicht belegt.
  • Ein weiterer Artikel der deutschen EpochTimes von Januar 2021 zitierte VAERS-Daten, um zu behaupten, dass “Hunderte Menschen nach COVID-19-Impfung in der Notaufnahme” seien, und dass “Statistisch betrachtet die Corona-Impfung damit 183-mal gefährlicher als andere Impfstoffe” sei.
    • Der Artikel führte mehrere konkrete Beispiele auf, darunter:  “Eine Frau aus Michigan erhielt am 16. Dezember 2020 eine Corona-Impfung. Daraufhin fühlte sie sich benommen und schwindelig, hatte ein Engegefühl in der Brust und ein Kribbeln in den Händen. Sie sagte den Ärzten wiederholt: ‘Ich glaube, ich habe eine Panikattacke.’” ⁠
    • Keiner der genannten Fälle war zum Zeitpunkt des Artikels jedoch verifiziert oder auf ihre Authentizität geprüft worden.
  • Ein neuerer EpochTimes.deArtikel von März 2021 behauptet auf ähnliche Art und Weise, dass das VAERS-System mittlerweile sogar belege, dass 966 Menschen gestorben seien, nachdem sie die Impfungen von Pfizer oder Moderna erhielten.

Um mehr über VAERS zu erfahren, und wie es möglich ist, dass erfundene Vorfälle in der Datenbank auftauchen, klicken Sie hier und lesen Sie NewsGuards US-Analyse zu Impf-Desinformation rund um VAERS.


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